Frag mich noch einmal: Was Menschen hinter „Mir geht’s gut“ verbergen
Über Mobbing, traumatische Erinnerungen, Trauer und Suizidgedanken. Und darüber, warum ehrliches Zuhören mehr verlangt als einen guten Rat.
Wer „Mir geht's gut“ sagt, hat damit nicht immer seine ganze Geschichte erzählt.

„Ich hab ‚Mir geht’s gut‘ so oft gesagt, bis ich mir selber nicht mehr geglaubt hab.“
Mit diesem Satz setzt mein Lied Frag mich noch einmal ein. Kein Vorspiel. Keine Erklärung. Eine Stimme, die etwas ausspricht, was im Alltag oft verborgen bleibt. Der Song führt durch vier unterschiedliche Erfahrungen: Demütigung durch Mobbing, Erinnerungen an belastende Ereignisse, den Verlust eines Menschen und eine Krise, in der Suizidgedanken ausgesprochen werden.
Hinter jeder dieser Erfahrungen steht eine andere Geschichte. Was sie im Lied verbindet, ist keine Diagnose, sondern eine Frage: Was geschieht, wenn ein Mensch über lange Zeit gelernt hat, seine Not für sich zu behalten?
Das Musikvideo: Frag mich noch einmal
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Warum „Mir geht’s gut“ manchmal ein Schutzsatz wird
„Wie geht’s dir?“ ist oft eine beiläufige Frage. An der Bushaltestelle, im Betrieb, zwischen zwei Unterrichtsstunden. Auf eine ehrliche Antwort wartet dort nicht immer jemand. „Gut“ beendet das Gespräch, verhindert Nachfragen und bewahrt ein Stück Kontrolle.
Manche Menschen haben zudem erlebt, wie ihre Gefühle abgewertet, lächerlich gemacht oder gegen sie verwendet wurden. Dann erhält Schweigen eine Funktion. Nicht weil der Mensch nichts empfindet, sondern weil er mit einer bestimmten Antwort rechnet. Wer sich öffnet, zeigt eine verletzliche Seite. Bei wem ist diese Seite sicher aufgehoben?
Das Ausweichen schützt manchmal für einen Augenblick. Auf Dauer erschwert Schweigen aber auch den Zugang zu Unterstützung. Beides darf gleichzeitig wahr sein. Der Mensch, der schweigt, braucht keine Vorwürfe über seine fehlende Offenheit. Er braucht die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, bei wem und wann er sprechen möchte.
Mobbing: Wenn du über dich selbst mitlachst
Im Lied steht ein Name im Klassenchat. Ein Foto wird herumgeschickt. Andere lachen. Die betroffene Person lacht mit. Von außen sieht dieser Moment nach Zustimmung aus. Von innen kann er eine Strategie sein, die Situation zu überstehen, ohne erneut aufzufallen.
Mobbing ist mehr als ein einzelner Streit. Kennzeichnend sind wiederholte Angriffe und ein Ungleichgewicht der Handlungsmöglichkeiten. Ausgrenzung, Bloßstellung und digitale Verbreitung können die soziale Sicherheit eines jungen Menschen nachhaltig erschüttern. Betroffene berichten unter anderem von Anspannung, Schlafproblemen, Rückzug und einem belasteten Selbstwert. Aus solchen Reaktionen allein lässt sich keine psychische Erkrankung ableiten.
Besonders schwer ist häufig nicht nur der Angriff selbst. Es ist die Erwartung vor dem nächsten Schultag: Wer sieht das Foto? Wer flüstert? Wer schaut weg? Die Schule ist dann nicht mehr selbstverständlich ein Ort, an dem sich ein Kind sicher fühlt.
Erwachsene sollten deshalb nicht nur nach dem Verhalten des betroffenen Kindes fragen. Wichtiger sind auch die Verantwortlichkeiten der Gruppe, die Reaktionen von Lehrpersonen und die Frage, wie das Mobbing wirksam beendet wird. Ein Kind muss die Gewalt einer Gruppe nicht allein durch mehr Selbstvertrauen bewältigen.
Trauma: Wenn die Gegenwart eine alte Erinnerung berührt
Eine Tür fällt zu. Ein Mensch hält inne. Der Kopf weiß: Hier droht keine Gefahr. Der Körper reagiert trotzdem mit Anspannung. Solche Reaktionen beschreibt eine andere Szene im Lied.
Nach bedrohlichen Erfahrungen können bestimmte Geräusche, Gerüche oder Situationen Erinnerungen und körperliche Alarmreaktionen auslösen. Fachleute sprechen unter anderem von erhöhter Wachsamkeit oder Übererregung. Der Betroffene erlebt womöglich Angst oder Erschrecken, obwohl das damalige Ereignis vorbei ist.
Eine einzelne Schreckreaktion ist noch keine posttraumatische Belastungsstörung. Für eine fachliche Abklärung zählen die Art der vorausgegangenen Belastung, weitere Beschwerden, deren Dauer und die Auswirkungen auf den Alltag. Wenn Beschwerden anhalten oder das Leben erheblich einschränken, gehört eine diagnostische Abklärung in qualifizierte medizinische, klinisch-psychologische oder psychotherapeutische Hände.
Im persönlichen Gespräch ist oft schon eine andere Frage hilfreicher als „Warum reagierst du so?“: „Was hat dich in diesem Moment erschreckt, und was brauchst du jetzt, um dich sicherer zu fühlen?“ Eine Antwort entsteht ohne Druck und im Tempo der betroffenen Person.
Trauer: Ein Mensch fehlt sogar in der Grammatik
Eine der leisesten Stellen des Liedes erzählt von einer Tasse im Regal. Die Frau sagt: „Du magst Kaffee.“ Erst danach fällt ihr auf, wie schwer ihr die Vergangenheitsform wird.
Trauer zeigt sich manchmal nicht im Weinen, sondern im alltäglichen Sprechen. In der Gewohnheit, einen zweiten Teller herzurichten. Im Impuls, etwas zu erzählen und erst dann zu bemerken, wem man es erzählen wollte. Solche Augenblicke können einen Verlust plötzlich wieder spürbar machen.
Trauer folgt keinem festen Kalender. Neben Schmerz und Sehnsucht stehen bei manchen Menschen auch Erleichterung, Wut, Schuldgefühle oder Momente der Freude. Diese Gefühle widersprechen einander nicht automatisch. Sie erzählen von einer Beziehung, die für den zurückbleibenden Menschen Bedeutung hatte.
Das Ziel einer Begleitung liegt nicht darin, eine Erinnerung möglichst schnell loszulassen. Wichtiger ist herauszufinden, was verloren ging, welche Veränderungen der Alltag verlangt und welche Formen des Erinnerns dem Menschen entsprechen.
Wenn jemand sagt: „Manchmal will ich nicht mehr leben“
An einer Stelle verändert sich das Lied. Ein Mensch spricht aus, was lange unausgesprochen blieb. Dieser Satz verlangt Aufmerksamkeit. Suizidgedanken sind keine poetische Dramatisierung und kein zuverlässiger Hinweis auf eine bestimmte Diagnose. Sie zeigen eine ernst zu nehmende Krise, bei der die aktuelle Gefährdung abgeklärt werden muss.
Wer eine solche Aussage hört, sollte ruhig bleiben, direkt nach Suizidgedanken und der unmittelbaren Sicherheit fragen und aufmerksam zuhören. Offen nachzufragen bringt Betroffene nicht erst auf die Idee, sich das Leben zu nehmen. Entscheidend ist, die Person ernst zu nehmen und fachliche Hilfe einzubeziehen. Eine einzige Aussprache beendet die Krise nicht automatisch.
Bei akuter Selbstgefährdung braucht der Mensch umgehend Unterstützung vor Ort. In Österreich erreicht man die Rettung unter 144. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 142 erreichbar, Kinder und Jugendliche finden bei Rat auf Draht unter 147 Unterstützung. Weitere Hilfsangebote stehen auf suizid.at.
Im Song bleibt die Angst nach dem Gespräch bestehen. Genau das ist wichtig. Es gibt keinen plötzlichen Wechsel von Verzweiflung zu Glück. Der Unterschied liegt darin, dass jemand die Worte gehört hat und weitere Hilfe organisiert wird.
Was „Frag mich noch einmal“ eigentlich meint
Der Titel ist keine Aufforderung, Menschen so lange auszufragen, bis sie alles erzählen. Gemeint ist eine Haltung: Die erste Antwort nicht automatisch für die ganze Geschichte halten. Nachfragen, ohne zu bedrängen. Schweigen aushalten, ohne daraus Ablehnung abzuleiten. Auch ein Nein zum Gespräch respektieren und später erneut verlässlich erreichbar sein.
Ein Satz, der im Alltag helfen kann, lautet: „Ich habe den Eindruck, dass dich etwas beschäftigt. Du musst mir jetzt nichts erzählen. Wenn du reden möchtest, nehme ich mir Zeit.“
Und wenn ein Mensch sich öffnet, brauchen seine Worte keine schnelle Bewertung. Zuhören, gemeinsam die nächsten Schritte klären und bei deutlicher Belastung geeignete Fachstellen hinzuziehen, sind keine kleinen Leistungen. Sie sind konkret und überprüfbar.
Warum ich dieses Lied geschrieben habe
In meiner Arbeit als Dipl. Psychosozialer Berater, in der Krisenintervention und in der Begleitung trauernder Menschen begegne ich Fragen, für die kurze Antworten nicht ausreichen. Meine Bücher und dieses Lied greifen unterschiedliche Seiten menschlicher Belastung auf.
Musik ersetzt keine Beratung, keine medizinische Abklärung und keine Psychotherapie. Sie eröffnet aber eine andere Form der Begegnung mit einem Thema. Manchmal bleibt ein Satz aus einem Lied im Kopf, weil er eine Erfahrung beschreibt, für die bisher Worte gefehlt haben.
AM HORIZONT steht für persönliche psychosoziale Beratung in Innsbruck. Im Mittelpunkt stehen die Lebensgeschichte, die aktuelle Belastung und die nächsten realistischen Schritte. Bei behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankungen oder akuter Suizidgefahr ist die Zusammenarbeit mit den zuständigen Gesundheits- und Krisendiensten notwendig.
Drei Bücher, die diese Themen weiterführen
Die folgenden Bücher vertiefen unterschiedliche Motive des Liedes. Jedes führt zu einer eigenen Geschichte und zu einer anderen Frage, die Menschen beschäftigen kann.
NICHT HEUTE
Manchmal reicht ein Tag
Ein Roman über eine Jugendliche, die nach außen weiter funktioniert und ihre innere Krise lange verschweigt.
Wenn ich die Augen schließe, bin ich frei
Kinder und Jugendliche verstehen und begleiten
Ein psychosoziales Begleitbuch über Mobbing, Rückzug, Beziehung und die Bedeutung aufmerksamer Erwachsener.
Der Atem gehört mir, bis ich ihn selbst loslasse
Ein Roman über Würde und Abschied
Laura und Helene begegnen einander zwischen neuem Leben, Sterben und schwierigen Fragen nach Selbstbestimmung.
Die Buchseiten öffnen auf AM HORIZONT. Amazon öffnet in einem neuen Fenster. Dort gelten die aktuellen Angaben des Händlers.
Musikvideo und Textkonzept: Andreas Felder / AM HORIZONT. Abdruck und Weiterverwendung des Videos nur nach vorheriger Zustimmung.
Fachlich geprüft
Quellen zum Beitrag
Fachstand geprüft am 20. Oktober 2026.
- Österreichisches Gesundheitsportal, Mobbing und Gewalt in der Schulegesundheit.gv.at
- Österreichisches Gesundheitsportal, Posttraumatische Belastungsstörunggesundheit.gv.at
- National Institute for Health and Care Excellence, PTSD Guideline NG116nice.org.uk
- Österreichisches Gesundheitsportal, Trauer bewältigengesundheit.gv.at
- Österreichisches Gesundheitsportal, Über Suizidgedanken sprechengesundheit.gv.at
- Österreichisches Gesundheitsportal, Was Angehörige bei Suizidgefahr tun solltengesundheit.gv.at
- Österreichisches Gesundheitsportal, Notrufnummern bei Krise und Suizidgefahrgesundheit.gv.at
- World Health Organization, Preventing Suicide: Resource for Media Professionalswho.int
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